Der Erweiterungsbau des Knauf-Museums

Gebäude

Kunst in der Schatzkiste

Die Weinstadt Iphofen ist um ein Highlight reicher. Am 20. März 2010 wurde der Erweiterungstrakt des Knauf-Museums mit einer Sonderausstellung über Tibet eingeweiht.Nebenan ein Barockbau, der erste seiner Zeit in Iphofen. Vor der Eingangstüre der schmucke Marktplatz mit seinen putzigen Fachwerkhäusern. Direkt gegenüber das altehrwürdige Rathaus der Stadt: Der neue Trakt des Knauf-Museums in Iphofen hat prominente Nachbarn. Am 20. März dieses Jahres wurde er nach anderthalb Jahren Bauzeit eröffnet.

Es ist ein geradliniger, minimalistischer Baukörper geworden, dessen Vorderfront sich an den Maßen des Vorgängerbaus orientiert. Vier hohe Fenster im oberen Teil der Fassade nehmen die Proportionen des barocken Nachbargebäudes auf und übersetzen sie in die Moderne. Auch die klare Fassade aus Schönbrunner Sandstein passt sich problemlos an die historische Umgebung an, ohne sich unterzuordnen. So fädelt sich der Neubau wie ein modernes Juwel inmitten einer Reihe historischer Juwelen in das Stadtzentrum von Iphofen ein, als ein in sich ruhender Pol, dem man ansieht, dass er seiner künftigen Aufgabe gewachsen ist.

Am 30. Juni 1983 wurde das Knauf-Museum in Iphofen in den Räumen des 1688 erbauten Wirtshauses am Marktplatz der Stadt eröffnet. Seither beherbergt es eine der weltweit renommiertesten Reliefsammlungen der großen antiken Kulturepochen. Rund 30.000 Besucher fanden allein im letzten Jahr den Weg in die geschichtsträchtigen Räume, um die Kunstschätze der Antike zu genießen. Manche bereits zum zweiten, dritten und zigsten Mal. Denn neben der Dauerausstellung bietet Museumsleiter Markus Mergenthaler seinen internationalen Gästen auch ein ständig wechselndes Programm an temporären Ausstellungen. Mal zeigt er die Welt rund um die Schokolade, dann wieder Porzellan und das nächste Mal wählt er Schmuck, um ständig neue Anreize für einen Museumsbesuch zu bieten. 

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Bildnachweis: Alle Fotografien von Wolf-Dietrich Weissbach

Keine Leihgabe ohne die richtige Umgebungstemperatur

„Die Leihgeber hochwertiger Objekte stellen penible Forderungen, was den Schutz, das Raumklima und die Versicherung ihrer Pretiosen angeht“, verrät der Kunstexperte. Bei diesen Forderungen stieß das barocke Gebäude aufgrund seiner bestehenden Grundrissstruktur, aber auch aufgrund der historischen Bauweise oftmals an seine Grenzen. Darum war die Knauf-Familie als Besitzer und Sponsor des Museums höchst erfreut, als sich die Möglichkeit bot, das angrenzende Kaufmannshaus zu erwerben, um seiner Stelle direkt neben dem ehemaligen Wirtshaus weitere und modernere Räume zu schaffen. Hier ist nun der Neubau entstanden, der dank ausgeklügelter Technik und ausgefeilter Grundrisskonstruktion alle Ansprüche an ein zeitgemäßes Museum erfüllt – und auch für den bisherigen Hauptbau eine Reihe von Vorteilen mit sich bringt.

Im Neubau werden ausschließlich Wechselausstellungen zu sehen sein. Drei Ausstellungsräume stehen dafür zur Verfügung, jeweils einer auf jeder Gebäudeebene. Auch der Hauptzugang des Museums wurde verlagert, da der bisherige Eingang verkehrstechnisch ungünstig und etwas versteckt in einer Kurve lag. Der neue jedoch orientiert sich gut sichtbar zum Marktplatz hin, durch einen breiten Fußweg geschützt vor vorbeifahrenden Autos und schnellen Motorrädern. Ein gläserner Aufzug im Foyer erschließt alle Geschosse und erlaubt nun auch Behinderten den Zugang zu den Exponaten – im Neubau wie im Altbau. Große Durchbrüche und geräumige Zwischenflure verbinden die beiden Häuser in jeder Ebene stufenlos miteinander. Im Erdgeschoss des Erweiterungsbaus finden hinter der Eingangstheke zudem noch Garderoben und Sanitärräume Platz. Eine sanft geneigte Rampe führt von hier aus in den ersten Ausstellungsraum: 8,50 Meter hoch, rund 100 Quadratmeter groß und direkt am dem Innenhof des Museums gelegen, bietet sich der zum Hof hin verglaste Saal nicht nur für Ausstellungen jeglicher Art und Exponate enormer Höhe an, sondern lädt auch zu Veranstaltungen ein – die sich im Sommer sicher auch auf den Innenhof ausdehnen werden. In dieser Oase der Stadt, wie ihn die Verantwortlichen genannt haben, lassen Palmen, Natursteinpflaster und sanft abgetrepptes Gelände den Gast schnell vergessen, dass er sich im Zentrum Frankens befindet und nicht im Orient.

Im Schatzkästchen finden die Exponate sicher Platz

Die Verschattung bzw. Verdunkelung dieses Raumes ermöglichen innen liegende Lamellen aus gelasertem Alublech, für deren Entwurf sich Architekt Walter Böhm als verantwortlicher Planer des Museums von der Ornamentik der Toranlage des historischen Bauteils inspirieren ließ. Und wenn eine für diesen Raum vorgesehene Ausstellung einmal mehr Intimität verlangt, erlaubt es die integrierte Hubdecke, die Beleuchtung stufenlos abzusenken. „Zudem können auf den Beleuchtungsschienen beispielsweise Tücher aufgelegt werden, sodass der hohe Raum auch visuell in der Höhe geschrumpft werden kann“, erzählt Böhm.

Im ersten und zweiten Stockwerk finden die Exponate in zwei fensterlosen langgestreckten Sälen Platz – in der „Schatzkiste“, wie Böhm verrät. Das Wort Schatzkiste bezieht sich in diesem Fall nicht nur auf die Form der wie eine Kiste in den Baukörper eingestellten Räumen mit ihrer matt braunen Putzschicht und wie winzige Kisten gestalteten goldenen Aussparungen, denen integrierte Beleuchtungskörper ein Flair aus 1001 Nacht verleihen. Schatzkiste bezieht sich auch auf die Konstruktion der Räume mit ihrer ausgeklügelten einbruchssicheren Technik: So sind die Stahlbetonwände innen noch mit mehreren Lagen Knauf-Gipsplatten unterschiedlicher Qualität verkleidet. Diese machen es dank einer Traglast von 100 kg/m2 möglich, zentnerschwere Exponate direkt an den nicht brennbaren Wänden aus Brio-Platten auf VA-Profilen zu befestigen – und können dank dahinter versteckter Technik zudem sofort melden, wenn potentielle Langfinger den kostbaren Gegenständen zu nahe kommen. Wenn die Exponate wieder abgenommen sind, lassen sich Bohrlöcher und Schnittstellen in der äußersten Wandschicht aus Knauf Diamantplatten problemlos wieder zuspachteln – und mit einem neuen Anstrich versehen, sieht die komplette Wand im Anschluss wieder wie neu aus. 

Hinter der Verkleidung verbirgt sich die Raumklimatisierung: Lüftungsleitungen, deren Aus- und Eintrittsöffnungen elegant in schmale Gitterroste münden, die sich auf Sockelhöhe um die Ausstellungsräume herum ziehen und an deren Eingängen die Türrahmen säumen. „Alles Handarbeit“, erklärt Mergenthaler, explizit angefertigt für dieses Projekt. „So etwas gibt es noch in keinem Museum.“ Um die schlichte Eleganz der Räume durch hässliche Technik nicht zu zerstören, gibt es in ihnen auch keine Lautsprecherboxen. Stattdessen tönen die Durchsagen aus unsichtbar in die Wände integrierten Knauf Soundboards in die Räume. „Und wenn wir die Fluchtzeichen angleichen hätten können, hätten wir das auch getan, um auch diese technische Notwendigkeit unsichtbar zu machen“, lacht Böhm, doch leider gebe es dafür Vorschriften. 

Klimatisiert wird per Geothermie

Für die Fußböden nicht. Hier setzte Mergenthaler seine Wünsche durch. „60.000 Schuhe werden jedes Jahr durch diese Räume trippeln, trappeln und trampeln“, zählt er auf. „Daher muss der Belag nicht nur schön sein, sondern auch belastbar.“ Die Wahl fiel somit auf weiß geöltes Eiche-Hirnholz-Parkett, das sich in kleinen Quadraten durch die Räume zieht. Passend dazu sind die Decken der Ausstellungssäle durch große Quadrate gegliedert: Leuchtschienen, die extra angefertigt und in die betonkernaktivierten Decken einbetoniert wurden. In diesen verlaufen unzählige Leitungen, durch die wiederum kalte oder warme Luft strömt, so dass sich die Temperatur exakt auf 19 bis 21 Grad Celsius bei 50 bis 55 Prozent Luftfeuchtigkeit einstellen lässt, genau wie es die Vorschriften der Leihgeber der Wanderausstellungen verlangen. „Und in der Übergangszeit, wenn hier im Neubau schon gekühlt werden muss, während im Altbau noch geheizt wird, können wir mit Hilfe ausgeklügelter Technik sogar beides gleichzeitig bewerkstelligen, wobei für den Wärmebedarf im Altbau die Abwärme aus dem Neubau genutzt wird“, freut sich Böhm.

Die Energie für diese Heiz- und Kühlleistung spendet Geothermie – aus 130 Meter Tiefe gewonnene Erdwärme. Acht Wochen lang, fünf Tage die Woche, acht Stunden pro Tag schraubten sich die Bohrköpfe in die Tiefe, bevor sie an das kostbare Nass gelangten. Eine Geduldsprobe für die angrenzende Bevölkerung, die das monotone Brummen in dieser Zeit tapfer ertrug. „Doch bei einem Museum mit seinen hohen Heiz- und Kühlkosten macht sich eine solche Investition nicht nur bezahlt, sie rechnet sich auch für die Umwelt“, zeigt sich der Museumsdirektor dankbar für diese Einrichtung. Die damit zusammenhängende Technik füllt ganze zwei Geschosse, die sich unter den Ausstellungsräumen verbergen. In den restlichen, noch freien Ecken und Winkeln des Gebäudes liegen notwendige Neben- und Lagerräume – und das unschöne Trafohäuschen der Stadt, das vorher das Grundstück verschandelte. Es wurde einfach in das Gebäude integriert und ist heute nicht mehr sichtbar. 

Hinter breiten Türverkleidungen ebenfalls integriert ist auch ein Lastenaufzug, der es möglich macht, tonnenschwere Exponate mühelos zwischen den Stockwerken hin- und her- zu transportieren. „Im Altbau mussten wir solche Gegenstände bis dato selbst in die verschiedenen Etagen schleppen“, erinnert sich Mergenthaler, der sich darauf freut, seine Träume von interessanten Ausstellungen künftig leichter in die Realität umsetzen zu können – und so noch mehr Besucher in die fränkische Kleinstadt anzuziehen als bisher. Den Anfang macht eine Ausstellung über Tibet, östliche Kunst einer Hochkultur, vom Alltag bis zur Religion, vom Tempel bis zur Jurte, all das präsentiert in einem profanen Neubau, der sich inmitten einer historischen Altstadt schon jetzt seinen Platz geschaffen hat.


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